26.07.2024

Verkehrswende im Kinderzimmer

Während die Verkehrswende bei den Großen ins Stocken gerät, tut sich einiges bei den Kleinsten. Doch der Weg von einer auto- zur kindergerechten Mobilität ist steinig und das liegt nicht allein am Elterntaxi. 

Beim nächtlichen Kontrollgang durchs Kinderzimmer aufs Lego-Auto getreten, mit dem Zeh am Rad des Bobby-Cars hängen geblieben und anschließend einbeinig hüpfend beinahe noch über die Elektro-G-Klasse fürs Kleinkind geflogen: Kein Zweifel – Eltern fühlen diesen Schmerz. Abgesehen von malträtierten Elternfüßen haben diese Spielsachen eines gemein, sie beziehen sich auf das Auto.

Miniaturautos gibt es fast genauso lange wie das Automobil. Mit einem Unterschied: Sie fluteten bis weit in die 1960er-Jahre nicht die Kinderzimmer. Im Gegensatz zu heute. Inzwischen sind es nicht nur die Spielzeughersteller, sondern auch Autobauer, die die Zielgruppe „Kind“ fest im Blick haben. Mit Comics, Modelinien, Spielzeugautos und Kinderfahrzeugen versuchen sie bereits früh, die Kunden von morgen an die eigene Marke zu binden. Doch ist das zeitgemäß? Wie passt das zur angestrebten Verkehrswende?

Ein kinderfreundliches Stadtbild beginnt im Kinderzimmer

Gar nicht! „Die Stadt von morgen ist lärmarm, grün und inklusiv. Damit einher gehen Verkehrswende, Transformation der Energiewirtschaft und die Neugestaltung öffentlicher Räume. Dabei ist es sinnvoll, die Jüngsten für eine nachhaltige Stadtentwicklung zu sensibilisieren. Das findet allerdings nicht statt. Stattdessen wachsen Kinder mit Spielzeug auf, das den Status quo manifestiert […]“, bemängelt Philipp Walter, Gründer der „Spielwende“ aus Kiel, und erklärt weiter, dass sie als Eltern das Problem hatten, einen passenden Spielteppich für ihre Kinder zu finden, der ihren Alltag abbildet: „[…] die Stadt auf Spielteppichen wird nur durch Gebäude, Straßen und Parkplätze abgebildet.“

Das veranlasste Philipp Walter, gemeinsam mit seiner Frau Lena Stöcker die Spielwende zu gründen. Das junge Start-up-Unternehmen fertigt und vertreibt nun Spielteppiche, auf denen es Bushaltestellen, Spielplätze, Bahnhof, Radwege und P+R-Parkplätze gibt. Bespielt wird der Spielteppich unter anderem mit kleinen Holzfahrrädern.

„Wenn man sich das Kinderzimmer so anschaut, bekommt man das Gefühl, dass die Stadt nur aus Autos besteht. Wenn man aber aus dem Fenster schaut, sieht man viel mehr: Busse und Bahnen, Carsharing, Fahrräder, aber auch Menschen, die zu Fuß gehen. Die wenigsten Kinder sind in ihrem Alltag ausschließlich mit dem Auto unterwegs.“ Dieser Alltag müsse sich auch im Kinderzimmer widerspiegeln können, so Walter.

Mobilität für Kinder: Herausforderungen und Chancen in der Stadtplanung

Doch die Problematik liegt nicht allein im Kinderzimmer. Es ist ein strukturelles Problem. Unsere Städte sind autozentriert. Kinder (aber auch Senioren und Menschen mit Behinderung) finden in der derzeitigen Infrastruktur keine ausreichende Berücksichtigung.

Walter erklärt: „Da muss man nur mal mit dem Kinderwagen unterwegs sein: keine abgesenkten Bordsteine, nur wenig Tempo-30-Zonen, zugeparkte Straßenecken. In der Stadt leben Kinder wirklich gefährlich und können sich nicht unbedingt selbstständig bewegen. Dabei ist genau das wichtig.“

Dem kann Meike Wiegand vom Zukunftsnetz Mobilität NRW nur zustimmen: „Der Kinderalltag ist leider noch immer stark vom Leitbild der autogerechten Stadt geprägt“, und fügt hinzu, „dabei spielen Kinder und Jugendliche für die Mobilitätswende eine wichtige Rolle, denn sie sind ein Indikator für eine gelungene Stadtentwicklungs- und Verkehrsplanung. Wenn Kommunen ihre Infrastruktur so gestalten, dass Kinder sich sicher, eigenständig und auch nachhaltig bewegen können, dann ist sie auch für alle anderen Menschen attraktiv.“

Die Diplom-Geografin mit den Schwerpunkten Städtebau und Verkehrswissenschaft berät Kommunen in Sachen Mobilitätsmanagement für Kinder und Jugendliche. Bei ihrer täglichen Arbeit schaut sie gemeinsam mit Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern sowie Kommunalpolitikern und -politikerinnen, ob Kinder im Stadtbild sichtbar sind. „Sind sie es nicht oder nur wenig, besteht dringender Handlungsbedarf“, mahnt Wiegand.

Denn Kinder haben an ihre Umgebung eine spezielle Anforderung. Daher sei es wichtig, dass Kommunen Kinder und Jugendliche bei Planungen beteiligen. Dadurch ließen sich Bedürfnisse erst sichtbar machen. „Nicht nur Kinder müssen lernen, wie sie sich im Straßenverkehr verhalten, sondern die infrastrukturellen Voraussetzungen müssen so an Kinder angepasst werden, dass sie sich sicher im Straßenraum bewegen können“, erläutert die Mobilitätsmanagerin.

Elterntaxi: Warum Bequemlichkeit und Angst Eltern zur Nutzung des Autos auf dem Schulweg treiben

Das Nichtvorhandensein einer kindergerechten Infrastruktur führt unweigerlich zu einem weiteren Problem, das von Eltern verursacht wird: dem Elterntaxi. Denn es ist zwar oftmals bequemer, den Nachwuchs auf dem Weg zur Arbeit an der Kita auszuladen, doch neben Bequemlichkeit nutzen Eltern vordergründig das Auto aus Angst, dass dem Kind auf dem Weg etwas zustoßen könnte. In einer forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) aus dem Jahr 2022 benennen Eltern folgende Gründe:

  • Bequemlichkeit: 57 Prozent
  • Ängste: 43 Prozent
  • Verbindung mehrerer Wege: 38 Prozent

Die Rolle von Elterntaxis im Alltag: Bequemlichkeit versus Sicherheit

Wiegand analysiert: „Elterntaxis spiegeln die heutige Zeit wider. Einerseits ist der Sicherheitsgedanke bei den Eltern heute viel stärker ausgeprägt, es spielen aber auch Bequemlichkeit und die steigende Zahl berufstätiger Elternpaare eine Rolle.“ Auch seien die Eltern allzu häufig verunsichert, was den Kindern zuzutrauen sei, wodurch sie deren Bewegungsfreiheit unbewusst einschränken.

Aber sie fügt auch hinzu: „Und ja, […] es hat auch mit einem Versäumnis der Politik zu tun. Die Entwicklung ist seit Jahren bekannt. Leider agieren Kommunalpolitik und Verwaltung oft erst, wenn es zu Unfällen vor Schulen kam. Heute üben aber immer mehr Schulen, Eltern und Kinder Druck auf die Verwaltung und Politik aus und fordern Änderungen ein.“

So können nun beispielsweise nach einem Vorstoß eines Projektes in NRW vor Schulen die Straßen zeitweise für den Autoverkehr gesperrt werden. Andere Schulen setzen auf Park+Kiss-Parkplätze, auf Lauf-Busse oder eine Fahrgemeinschaft mit dem eigenen Fahrrad, wie sie in Kassel ins Leben gerufen wurde. Möglichkeiten gibt es sehr viele. Die Initiativen, etwas zu ändern, auch. Steht am Ende einer kindergerechten Mobilität nur der innere Schweinehund der Kommunen und oftmals auch der Eltern im Weg?

Warum das Auto keinen sicheren Schulweg garantiert

Jein! Eltern, die aus Sicherheitsbedenken auf das Elterntaxi setzen, haben mit Blick auf die Unfallzahlen ein starkes Argument verloren. Denn es zeigt sich, dass das Auto nur bedingt mehr Schutz für die Kleinsten bietet.

Das Statistische Bundesamt belegt: Im Jahr 2022 verunglückten gerade jüngere Kinder bis sechs Jahre am häufigsten mit dem Auto. Schaut man sich gesamtheitlich die Unfälle von Kindern bis 14 Jahre an, ergibt sich folgendes Bild: Seit dem Ende der Pandemie steigt die Zahl der verunglückten Kinder im Verkehr. Auch die Zahl der getöteten Kinder stieg 2022 auf 51 an. Dabei verunglückten 36 Prozent mit dem Rad, dicht gefolgt vom Autounfall mit 34 Prozent und 22 Prozent gingen zu Fuß.

Es verwundert nur wenig, dass Schulkinder von sechs bis 14 Jahren am häufigsten montags bis freitags von sieben bis acht Uhr verunglücken, gefolgt von der Zeit zwischen 15 und 16 Uhr. Also genau zu den Zeiten, in denen Kinder den Weg zur oder von der Schule nach Hause bestreiten.

Die Auswirkungen von Elterntaxis auf Umwelt und Gesundheit

Zu diesen Stoßzeiten sind vor Kitas und Schulen immer wieder gefährliche Situationen durch das Elterntaxi zu beobachten. Ob Wendemanöver oder kurze Stopps auf dem Bordstein.

Dirk Wittowsky, Professor an der Universität Duisburg-Essen am Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung, ergänzt: „Elterntaxis können verschiedene Probleme verursachen. In erster Linie führt die erhöhte Anzahl von Autos zu Verkehrsstaus in der Umgebung der Schule und erhöht das Risiko von Konfliktsituationen. Die Emissionen der Fahrzeuge haben negative Auswirkungen auf die Umwelt, aber auch direkt auf die Gesundheit der Kinder. Diese wird auch durch den Mangel an Bewegung und körperlicher Aktivität negativ beeinflusst.“

Zusätzlich gingen motorische Fähigkeiten verloren und die sozialen Interaktionen auf dem Schulweg würden ebenfalls nicht stattfinden, kritisiert Wittowsky.

Er befürchtet, dass beim Elterntaxi auch zunächst nicht mit einer Trendwende zu rechnen ist: „Es gibt Anzeichen dafür, dass sich dieser Trend erst mal ohne Gegenmaßnahmen weiter fortsetzen könnte.“ Wittowsky begründet, dass einerseits durch neue Automobil- und Antriebskonzepte neue Komfortzonen geschaffen werden und anderseits die Infrastruktur im Schulumfeld nicht auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet ist.

Dabei wäre es ein Leichtes, hier gegenzusteuern: „Mit den Schulstraßen und dem schulischen Mobilitätsmanagement gibt es hervorragende Instrumente, um alternative und nachhaltige Transportmöglichkeiten zu schaffen.“

Schulweg sicher gestalten: Warum Eltern das Auto stehen lassen sollten

Doch in Zeiten von raren Kita-Plätzen und der freien Schulwahl liegt die Schule oder der Kindergarten nicht immer in der unmittelbaren Umgebung. Da bleibt oftmals nur das Auto.

Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer, pflichtet dem bei und fügt allerdings hinzu: „[…] wenn es aber anders geht, dann sollten Eltern sich Zeit nehmen und den Weg gemeinsam mit den Kindern zu Fuß oder eben mit dem Fahrrad meistern. Es macht einen Unterschied, ob ich mir die Zeit nehme, den Kindern auch Fragen im Verkehr beantworte und sie auf die verschiedenen Gefahrenquellen aufmerksam mache oder das richtige Verhalten an Ampeln und Kreuzungen übe. Das alles lernt ein Kind aus dem Auto heraus nicht.“

Für einen kindergerechten und möglichst gefahrenarmen Schulweg können Eltern bei den Schulen auf einen Schulwegplan zugreifen, auf dem die sichersten Wege beschrieben und die Gefahrenquellen auf dem Weg zur Schule gekennzeichnet sind.

Studien zeigen: Kinder lernen Verkehrssicherheit durch Übung

Sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen ist trainierbar, und zu üben lohnt sich, wie Studien belegen. Zeidler berichtet: „Wir haben Studien durchgeführt, bei denen wir Geschwindigkeitseinschätzungen bei Kindern abgefragt haben, und da hat sich eindeutig gezeigt, dass selbst 14-Jährige noch Schwierigkeiten hatten, eine Geschwindigkeit richtig einzuschätzen. Das liegt auch an den kognitiven Fähigkeiten, die sich bei Kindern erst im Laufe ihres zunehmenden Alters verbessern.“

So haben Kinder beispielsweise beim Überqueren einer Straße große Probleme, die Situation mit einem herannahenden Auto richtig einzuschätzen. Auch hier bewährt sich, wenn Eltern das Auto besser stehen lassen: „[…] die Studie belegt aber auch, dass Kinder zwischen sieben und acht Jahren, die den Schulweg häufig mit den Eltern bestritten, viel besser die Geschwindigkeiten einschätzen konnten“, erklärt Zeidler.

Unsere Infografik (pdf) zeigt, wie der Straßenverkehr mit Kinderaugen wahrgenommen wird.

Eltern, die wegen falscher Annahmen also lediglich aufs Elterntaxi setzen, stellen selbst ein nicht unerhebliches Sicherheitsrisiko dar. Sie verhindern, dass ihre Kinder lernen, sich sicher und selbstbewusst im Straßenverkehr zu bewegen. Sie verhindern auch, dass Kinder sich motorisch entwickeln oder auf dem Weg mit anderen Kindern sozial interagieren können.

Die Verkehrswende ist zwar keine reine Erziehungssache, aber sie beginnt bereits im Kinderzimmer. Es bleibt allerdings abzuwarten, wann sie den Sprung vom Kinderzimmer auf die Straße schafft. Walters Fazit: „Am Ende ist es die Politik, die die Rahmenbedingungen zur Verkehrswende setzt, und die Kommunen wandeln diese um. Wenn es für Kinder jedoch ganz normal wird, dass Mobilität vielfältig ist, haben wir schon viel gewonnen.“

Was macht der ACE?

Auch der ACE engagiert sich für mehr Verkehrssicherheit auf den Schulwegen. 2019 wurde die bundesweite ACE-Clubinitiative „Goodbye Elterntaxi“ ins Leben gerufen, bei der weit mehr als 700 Ehrenamtliche an ausgewählten Schulen ein Jahr lang die Elterntaxi-Situationen analysierten und den Kommunen halfen, die Situation vor Ort in den Griff zu bekommen. Diese Initiative wird in vielen ACE-Kreisen weitergeführt. Die ACE-Ratgeberseiten bieten weitere Infos zum Thema Verkehrssicherheit auf dem Schulweg.